Aigio - Hellas ohne Filter
Die meisten fahren
vorbei an ihr - dieser Stadt, lässt sie links oder rechts
liegen auf dem Weg nach Patras oder nach Athen. Manche bewusst, weil sie nichts
mit diesem Bauern und Hirtennest zu tun haben wollen - meistens die Intellektuellen
aus Patras oder Athen - oder unbewusst, weil sie gar nicht wissen, was sie verpassen.
Touristen machen nur selten Station hier. Mal tanken oben an der Shell beim Krankenhaus
und dann wieder weiter, ja, oder wenn man die romantische Abkürzung nimmt
mit der Fähre von der anderen Seite. Aber dann schnell, schnell weiter
und raus aus der Stadt. Korinth, Olympia, Delphi, Mykene - die alten Steine
rufen.
Mich hat es zum ersten Mal vor dreissig Jahren hier her verschlagen. Auch nur
per Zufall. Freunde hatten sich ausgerechnet diese Stadt ausgesucht, um aus
dem hektischen Deutschland zu fliehen und hier in der Aigialia ihre Seele wieder
auszubalancieren. Die Stadt hatte damals schon - und sie hat es heute noch
-
einen gewissen bäuerlichen Charme - eigentlich in sich schon ein Widerspruch.
Nichts von der Aufgeschlossenheit von Patras, keine geschichtsträchtigen
Kastros, eigentlich überhaupt keine Kultur - sieht man mal von dem Starfighterdenkmal
am westlichen Ortseingang ab. Aigio ist der Marktplatz für die Bauern aus
den umliegenden Bergen, der Ort, wo die Ziegenhirten ihre Zicklein verkaufen,
sich mit Neuigkeiten und Proviant versorgen. Die Stadt ist den Bergen, dem Panachaikos
zugewandt, nicht nur äußerlich, sondern auch von ihrer Seele her.
Hat eine Stadt eine Seele? Ja, sie hat! Eine zerfurchte, eine spröde Haut,
eine schwielige - genauso wie die Hand eines Bauern, der oben in einem der vielen
kleinen Bergdörfern seine Oliven und Korinthen erntet. Die Stadt ist einsilbig,
manchmal mürrisch, scheint nichts liebliches zu haben, und doch erscheint
sie unter ihrer harten Schale einen weichen Kern zu besitzen. Ihn zu entdecken
ist nicht einfach. Das geht nicht mal so eben im Vorüberfahren. Um zu Aigios
Seele vorzudringen muss man hier leben , muss man sich auf seine Derbheit, seine
grobe Sprache, seine raue Umgangsart einlassen und auch zulassen, dass man dabei
ziemlich vor den Kopf gestoßen werden kann.
Griechen können Geduld aufbringen, etwas aussitzen - ihre Geschichte hat
sie dies gelehrt. In den Jahrhunderten der Besetzung durch Türken , Italiener
und auch Deutschen blieb ihnen nichts anderes übrig, als die Zeit für
sich arbeiten zu lassen. In Aigio ist es ähnlich. Schnell und spontan geht
hier nichts vonstatten. Nur, wer Geduld hat und Hartnäckigkeit kann daran
denken, hier zur Kenntnis genommen zu werden. Zur Kenntnis heißt noch nicht
akzeptiert. Dahin ist es noch ein langer Weg. Griechenland hat viele Fremde kommen
und gehen sehen in seiner Geschichte. Auch in Aigio gab es neue Gesichter, die
jedoch bald wieder von der Bildfläche verschwanden. Einige jedoch blieben
und fanden eine Tür ins Gedächtnis der Aigioten. Als Xenos ist es schwer
hier in Aigio diese Tür aufzustoßen. Man muss dazu die Sprache lernen,
also nicht nur Griechisch, sondern auch das Bauerngriechisch - Gestik und Mimik
inbegriffen. Und man muss lernen, wann man zu schweigen hat und wann man seinen
Mund aufmacht. Aigioten merken, wann es einem ernst ist. Körpersprache ist
international. Augenblicke des Abtastens, Momente des Verständnisses. Als
Xenos wird man nie wirklich Aigiot. Wenn man Glück hat, dann erreicht man
das Stadium des wohlwollenden Tolerierens. Immer wird einem bewusst gemacht,
dass man nicht aus aigialischer Erde stammt und auch nicht dorthin zurück
kehren wird. Oftmals ein schmerzhafter Prozess. Gerade wenn es einem Ernst ist
mit dem Bleiben. Doch immer , wenn eine Tür in Aigio aufgeht, ein unverhofftes
Lachen das Gesicht erhellt, ein Klaps auf die Schulter das Gemüt erheitert
- dann macht sich wieder ein Stückchen neue Heimat auf und man fühlt
, wie eine kleine neue Wurzel wächst in die aigialische Erde...