To Avlaki
Ich
erwache aus traumlosem Schlaf. Nur einmal hat mich
in der Stille ein Hund geweckt, aber ich bin
sofort wieder eingeschlafen. Etwas rauscht. Nicht
in meinen Ohren, sondern etwas rauscht so, als ob
ein Gebirgsbach durchs Zimmer fließe. Gurgelnd,
plätschernd, gluckernd läuft irgendwo Wasser
ziemlich rasch bergab. Ich blinzle verschlafen und
riskiere einen Blick unter der Bettdecke hervor durchs
Fenster an den Morgenhimmel. Stahlblau, noch keine
Sonne. Ich starre an die Wand gegenüber und
warte, dass mein Gehirn langsam anfängt zu arbeiten.
Soviel Retsina war das doch gestern Abend nicht gewesen.
Ich warte vergeblich, dass mein müder Verstand
eine logische Erklärung findet für das
Rauschen. Regen kann es nicht sein, nach einem Wasserrohrbruch
hört es sich nicht an, dazu ist es zu unregelmäßig,
und doch – hier fließt doch irgendwo
ein Bach durchs Haus! Das lässt mir keine Ruhe
und ich stehe auf. Die Neugier macht mich wach. Nachdem
ich beruhigt festgestellt habe, dass kein Wildbach
durchs Zimmer fließt, öffne ich die Haustür
und linse hinaus. Fast hätte ich sie erschrocken
wieder zugeknallt, denn unmittelbar vor meiner Tür
steht Thomas, mein griechischer Nachbar. Natürlich
hat er mich gleich bemerkt und begrüßt
mich lauthals.
„ Petro! Ti kanis? Kalo hypno?“
Er stützt sich auf eine Art Harke ohne Zinken
und grinst mit seinem zahnlosem Mund unter seinem
Stoppelschnauzer hervor.
„ Nero! Ja to perivoli!“
Spricht’s und deutet vielsagend vor seine Füße.
Dort bemerke ich endlich den Grund für das Rauschen.
In dem kleinen Graben entlang dem Weg vor meinem
Haus fließt ein Sturzbach in Richtung Unterdorf,
keinen Meter von meiner Haustür entfernt. Mit
der Harke hat Thomas etwas weiter oberhalb einen
kleinen Staudamm gebaut, der als Weiche dient und
das Wasser direkt in den Graben zu seinem Garten
leitet. Ich habe mir noch nie viel Gedanken über
diesen kleinen Graben, griechisch „avlaki“,
gemacht und war immer der Meinung, er diene der Ableitung
von Regenwasser. Natürlich dient er zur Regenzeit
auch dazu, doch im regenlosen Sommer ist er die offene
Zuleitung des Zisternenwassers zu den Gärten,
deren Gemüse ohne diese Bewässerung nie
gedeihen würde.
Oberhalb des Dorfes steht die große Zisterne,
die von einer Quelle aus den Weinbergen gespeist
wird. Diese Quelle versiegt auch nicht in den heißen
Sommern und versorgt so das Dorf mit dem lebensnotwendigen
Nass.
Das Wasser aus der Zisterne wird zuerst in den Dorfbrunnen
am Dorfplatz geleitet, wo es ein Auffangbecken speist.
Am Abfluss dieses Beckens befindet sich ein Schieber,
der den Weg in das Avlaki freigibt, sobald man ihn
betätigt.
Im Laufe von Jahrzehnten, vielleicht sogar schon
länger, hat sich im Dorf ein Wasserverteilungssystem
entwickelt. Dieses System ist ein Mosaik aus gemeinsamem
Bedürfnis und individuellem Anspruch. Nicht,
dass sich die Dorfbewohner zusammengesetzt hätten
und einen Plan gemacht hätten – nein! – ein
jeder Bewohner hat seinem ureigenen griechischen
Ego folgend das Avlaki mitgestaltet, indem er es
natürlich vor seinem Haus gepflegt hat , aber
auch entsprechend seiner egoistischen Natur, bestimmte
Weichen zur Verteilung mit eingebaut hat. So entstand
ein Netz von Wasserläufen, dessen Struktur dem
Schienennetz einer Modelleisenbahn gleicht.
Jetzt fehlt nur noch jemand, der wie in einem Stellwerk
die Weichen stellt.
Das ist im allgemeinen der „proetros“ – also
der Bürgermeister.
Der bestimmt, wann wer wie lange das Wasser auf seinen
perivoli fließen lassen darf.
In Deutschland würde man sagen: „Wassernutzungsplan“.
Also wird morgens der Schieber geöffnet und
Thomas verschiebt auf der Straße die Steine
so, dass das Avlaki in seinem Garten mündet.
Danach ist dann der Niko dran, und anschließend
die Frau Mourikis.
Wehe, wenn aber nach Frau Mourikis der Zwischenspeicher
leer ist, was in trockenen Sommern schon mal vorkommt.
Dann gibt’s Zoff. Spiro läuft zu Niko
und macht ihm lauthals eine Szene. Die zwei können
sich schon aufgrund ihrer unterschiedlichen Parteibücher
nicht riechen. KKE und ND prallen da aufeinander
und das Dorf hat was zum lauschen und sich amüsieren.
„
Ti na kànoume!“
Die Wasserversorgung der Haushalte verläuft
nach ähnlichem Prinzip. Es gibt einen (!) Wasserhahn
gleich neben der Mauer an der Kirche, dessen Zuleitung
direkt aus der Hauptzisterne kommt. An diesen Wasserhahn
kann man einen Gartenschlauch anstecken. Jeder Haushalt
hat seinen eigenen Gartenschlauch und es liegen so
etwas 6 Schläuche parallel vor dem Hahn und
jeder wartet darauf, angeschlossen zu werden. Das
andere Ende des Schlauches mündet jeweils in
der Zisterne oder dem Wasserfass der Haushalte. Im
Unterdorf gibt es noch mal einen Wasserhahn – dort
funktioniert die Wasserverteilung nach dem gleichen
Prinzip. Das ganze hat nur ein Problem: Es gibt hier
keinen „Plan“, wer wann den Schlauch
anstecken darf!
Jeder holt sich also sein Brauchwasser, wann er es
gerade „braucht“.
Da der Grieche an sich schon sehr trotzig sein kann,
wenn er der Meinung ist, er brauche jetzt Wasser,
dann steckt er schon mal den Schlauch des Nachbarn
ab und den seinen an, mit dem Erfolg, dass natürlich
die Zisterne des Nachbarn nicht mehr weiter gefüllt
wird. Sollte dieser das zufällig merken, kommt
es wieder zu den schon oben erwähnten kleinen
Wortgemetzeln auf dem Kirchplatz
Als Mitglied der Dorfgemeinschaft habe ich mir das
Prinzip eine Weile angeschaut und dann brav auch
einen Schlauch gekauft, ihn neben die meiner Nachbarn
gelegt und natürlich auch öfters erleben
müssen, dass man ihn mir vom Hahn genommen hat,
wenn ich gerade mein Wasserfass füllen wollte.
Allerdings verzichte ich auf jegliches Geplänkel
deshalb, zum einen, weil ich nicht zu cholerischen
Wutausbrüchen neige und nur schlecht welche
ertragen kann, zum andern, weil ich als Xenos meine
Lektion in Sachen „wie vermeide ich Schwierigkeiten
als Neubürger in einem griechischen Bergdorf“ gelernt
habe.
Doch dieser Schlauchanschluss an dem Wasserhahn geht
mir nicht aus dem Kopf.
Als praktisch denkender Mensch und in der alten Heimat
durch mehrere OBI-gesponsorte Heimwerkerkurse gegangen,
mache ich mir meine Gedanken.
Die Lösung finde ich am nächsten Nachmittag
während der Siesta.
Sie ist so einfach, dass ich mich selbst wundere,
warum niemand außer mir darauf gekommen ist.
Ein kurzer Besuch in Aigio bei meinem guten Freund
Stavros vom Eisenladen und ich schreite zur Tat.
Ich installiere in mein Fass einen Wasserstopp, wie
man ihn aus Klospülungen kennt. Das ist das
Ding mit dem Schwimmer dran, der bei Füllung
des Wasserkastens aufschwimmt und dann die Wasserzufuhr
mit einem Ventil stoppt.
Dann gehe ich zu dem Wasserhahn am Kirchplatz und
baue vor (!) den Wasserhahn ein T-Stück in die
Plastikzuleitung ein. An dieses stecke ich meinen
Schlauch an sichere ihn mit zwei Schlauchschellen
und – fertig! Mein Fass füllt sich automatisch
und die Wasserzufuhr wird von dem Wasserstopp unterbrochen,
sobald mein Fass voll ist. Bei Entnahme aus dem Fass
läuft sofort wieder Wasser nach bis zum Füllstrich.
So praktisch ist das, so einfach. Warum macht das
nicht jeder so hier?
Zufrieden mit meinem Werk setze ich mich auf die
Veranda und genehmige mir einen Ouzo. Das Wasserproblem
scheint für mich ein für alle Mal gelöst
zu sein.
Denkste!
Die Rechnung hatte ich ohne den Wirt gemacht, besser
gesagt: ohne die Logik der Griechen, oder noch besser
gesagt: was sie für Logik hielten!
Am nächsten Morgen werde ich durch eine laute
Diskussion auf dem Kirchplatz geweckt.
Um den Wasserhahn stehen sie alle versammelt und
diskutieren mit Händen und Füßen:
meine Nachbarn!
Die Gesten sind ziemlich eindeutig. Es wird auf das
T-Stück gedeutet und dann in Richtung auf mein
Fass, Hände werden in die Luft geworfen, deutliches
In-den-Nacken-werfen der Köpfe zeigt, was meine
Nachbarn von dieser „deutschen“ Lösung
halten – nämlich gar nichts!
Ich gehe hin und versuche, ihnen mein Patent zu erklären.
Ich führe sie zu meinem Fass und zeige ihnen
die Abstellautomatik. Das müssen sie doch verstehen!
Ich sehe, wie es in den Köpfen von Thomas, Niko,
Spiro und Dimitri arbeitet, sehe aber kein Leuchten
der Erkenntnis in ihren Augen.
Sie brabbeln , murmeln , zischen mir unverständliche
Worte, ihre Körpersprache bedeutet nach wie
vor Ablehnung. Die Ankunft des fliegenden Stuhlhändlers
beendet unsere kleine Runde am Wasserfass. Die Nachbarn
eilen zu ihren Häusern, um ihre Frauen davon
abzuhalten, dem Roma in dem überfüllten
Pickup noch mehr weiße Plastikstühle abzukaufen,
die dann nach zwei Wochen mit abgebrochenen Beinen
an der Mülle am Flussufer landen.
Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass diese
Diskussion ums Wasser noch nicht beendet ist. Wie
recht ich habe, beweisen die Ereignisse am Nachmittag.
Beim Duschen kommt auf einmal kein Wasser mehr. Nanu?
Mit einem Handtuch um die Hüften schaue ich
nach dem Rechten und entdecke meinen abgeschnittenen
Schlauch, der unter dem T-Stück liegt, das mit
einem Korken verschlossen worden ist.
Was nun kommt, ist eine von vielen noch folgenden
Lektionen , die ich als Xenos hier lernen muss. Ein
griechisches Wasserverteilungssystem, das schon seit
Generationen so und nicht anders gehandhabt worden
ist, kann man als neuer deutscher Mitbürger
nicht einfach so ändern wollen. Aus Prinzip
geht das nicht! Nicht, weil das neue System nicht
funktionieren würde, nein, es geht deshalb nicht,
weil ICH darauf gekommen bin, nicht meine Nachbarn.
Und deshalb können sie nicht zugeben, dass mein
Patent ja eigentlich gar nicht so schlecht ist. Ihr
Stolz lässt das nicht zu.
Diese Erkenntnis kommt mir aber erst später.
Zuerst denke ich, sie hätten es nicht kapiert.
Aber der Niko, mein direkter Nachbar, kommt und sagt
mir unter vier Augen, was ich nicht für möglich
halte.
„
Die Idee ist gut!“sagt er und deutet auf mein
Fass, „aber niemand weiß, wie viel Du
von unserem Wasser nimmst am Tag.“
„
Warum macht Ihr es nicht alle so?“ will ich
wissen.
Er grinst verschmitzt.
„
Weil wir unser Geld nicht nur für durchgeschnittene
Schläuche ausgeben wollen!“
Es dauert einige Zeit, bis ich diese Lektion in griechischer
Denkensart verstanden habe.
Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich
dem alten System wieder anzuschließen. Wenn
ich nicht auf dem Trockenen sitzen bleiben will.
Lange denke ich über diesen Versuch der „Missionierung
in Sachen Wasser“ nach. Ich habe versucht,
meinen Nachbarn etwas vor zu machen, von dem ich überzeugt
bin, dass es funktioniere. Was ich nicht bedacht
habe, ist die Sturheit, ja Starrköpfigkeit meiner
lieben Nachbarn. Sie verschließen sich der
Wahrheit, weil nichts wahr sein kann, was nicht wahr
sein darf.
Es dauert lange, bis ich begreife, was hier dahinter
steckt. Es ist in einem griechischen Bergdorf eine
Sache der Ehre, Regeln des Zusammenlebens aufrecht
zu erhalten, sie weiter zu tragen, so , wie es schon
Generationen vorher getan haben. Und man darf als
Außenstehender nicht einfach so versuchen,
diese Regeln um zu schmeißen. Auch, wenn man
in bester Absicht handelt.
Logik – ein griechisches Wort – den Gesetzen
folgend.
Griechische Logik – den eigenen Gesetzen folgend.
Zwei Jahre sind vergangen seither.
Den
Wasserhahn gibt es immer noch. Nur sieht er jetzt
etwas merkwürdig aus.
Vor und hinter ihm ist ein Labyrinth von T-Stücken
und Abzweigungen angebracht worden. Fast sieht dieses
Gebilde aus wie ein modernes Kunstwerk von Tingely.
Und an jedem freien Ausgang steckt ein Schlauch.
Vier sind es , nein, fünf oder sechs, oder mehr?
Es sieht aus wie ein moderner Oktopus. Ein Krake
aus Plastikschläuchen. Und jeder seiner Arme
hat eine andere Farbe. Der grüne ist von Spiro,
der gelbe von Niko und der rote von Dimitri und dort
der blaue von den Deutschen, die weiter unten neu
gebaut haben. Meiner ist gelb – es gab keine
andere Farbe mehr.
Gestern hat der Proetros bekannt gegeben, dass unser
Dorf ans öffentliche Wasserleitungsnetz angeschlossen
wird. Endlich – endlich?
Schade eigentlich.....